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LINKSrUM Juli/August 2007
Der ländliche Raum - Einige Gedanken aus der Sicht
eines Betroffenen
In der Diskussion der Parteien um die Entwicklungschancen der Regionen
im Land Brandenburg spielen industrielle Wachstumskerne,
Speckgürtel, Randgebiete und der sogenannte ländliche Raum
eine wichtige Rolle. Begründet wird alles mit den notwendigen
finanziellen Ausstattungen der Gemeinden und Städte sowie der
Schaffung von Arbeitsplätzen. Fördermittel sollen
konzentriert werden um höchst mögliche Erfolge zu erzielen.
Nun ist aber die Wertung der unterschiedlichen Regionen abhängig
von ihrer zukünftigen wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und
demografischen Entwicklung. Förderung einzelner großer
Projekte wie z.B. Lausitzring, Chipfabrik, Luftschifffabrik u.s.w. habe
den Bürgerinnen und Bürgern sehr viele Steuermittel gekostet,
ohne dass sich die versprochenen Erfolge einstellten. Jetzt wollen die
Regierungsparteien vorrangig in speziell ausgewählte Regionen
Fördermittel fliesen lassen. Der ländliche Raum kommt darin
kaum vor. Man muss sich fragen, warum sollen die Menschen in den
dünn besiedelten Landesteilen keine oder nur geringe
Entwicklungschancen haben. Ist es politisch gewollt, dass ganze
Regionen leergezogen werden oder aussterben?
Der ländliche Raum ist für mich mit seinen Naturressourcen
(Boden, Wald und Wasser) und dem Landschaftsbild (Kulturlandschaft)
eine wichtige Quelle gesellschaftlichen Lebens. Besonders als Grundlage
für die Ernährung der Bevölkerung ist die nachhaltige
landwirtschaftliche Produktion in ihren vielfältigen
Eigentumsformen wichtig. Diese Arbeitsplätze müssen erhalten
werden und für die Beschäftigten mit existenzsicherndem Lohn
verbunden sein. Der sich daraus ergebende höhere Preis für
Nahrungsmittel ist durch die Verbraucher zu bezahlen.
Unabdingbar ist dabei die Schaffung regionaler
Wirtschaftskreisläufe zur Verarbeitung und Vermarktung
landwirtschaftlicher und forstwirtschaftlicher Produkte. Damit werden
Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und unsere Umwelt (Vermeidung
CO²-Ausstoß durch weniger Verkehr) geschont. Erste
Ansätze sind mit der Errichtung von Hofläden, Manufakturen
und Direktvermarktern erkennbar. Um diese Entwicklungen zu
stärken, sind die Infrastrukturen des ländlichen Raumes
ortsüblich zu entwickeln: Straßen, die den
Verkehrsströmen angepasst sind, zwischendörfliche
Verbindungen, wie z.B. ländlicher Wegebau in Meck/Pom, Vernetzung
von Bahn- und Buslinien und Zugang zu modernen
Telekommunikationstechniken. Es ist mir unverständlich, dass
gerade für den ländlichen Raum schnelle DSL-Verbindungen kaum
oder nur unter großen Schwierigkeiten durch die Telekom angeboten
werden. Gerade aber diese Internetverbindungen sind für kleine
mittelständische Unternehmen, Freiberufler und Selbständige
existentiell. Für junge Menschen sind sie unverzichtbar, denn sie
wollen unabhängig von ihrem Wohnort mit anderen kommunizieren.
Deshalb ist die Politik besonders gefordert und der Staat kann als
Miteigentümer der Deutschen Telekom seine wirtschaftliche Macht
nutzen, wenn er will.
Auch Arbeitsplätze bei der alternativen Energieerzeugung sind
für den ländlichen Raum wichtig. Sie aber um jeden Preis zu
schaffen, ist zu überdenken. Staatliche Förderung der
Investoren und deren Renditeerwartungen sind sorgsam gegen negative
Auswirkungen auf das gesamte ökologische Gleichgewicht
abzuwägen. Wissenschaft und Forschung müssen sich intensiver
mit der langfristigen und nachhaltigen wirtschaftlichen Nutzung der
Naturressourcen beschäftigen. Dem Trend zur Gigantomanie bei der
Errichtung von Produktionsanlagen für Biogas und Bioethanol sowie
bei Windkraftanlagen, ist Widerstand entgegen zu setzen.
Zur Lebensqualität gehören auch Bildung, Kultur und
gesundheitliche Betreuung. Sie müssen unter den Bedingungen des
Territoriums organisiert und nicht administrativ nach
Schlüsselzahlen und Wirtschaftlichkeit in Potsdam bestimmt werden.
Denkansätze sollten auch Erfahrungen aus der DDR liefern.
Schulstandorte sind besonders für junge Familien für ihre
Wohnortwahl wichtig. Durch individuelle Klassenstärken kann man
auf schwankende Schülerzahlen reagieren, nicht durch
Schließungen. Ganztagsangebote unterstützen die Eltern in
ihrer Berufsausübung. Durch kommunale Trägerschaft von
Schulen und Kindertagesstätten kann unmittelbar Einfluss auf
notwendige Entscheidungen genommen werden ohne an Profitgewinnung
gebunden zu sein. Medizinische Betreuungen in Landarztpraxen,
medizinischen Zentren (Landambulatorien) und durch Gemeindeschwestern
sind flächendeckend möglich. Manch einer kann sich
wahrscheinlich daran erinnern. Nur wollen das die regierenden Parteien?
Ich zweifle daran, denn warum solle privatisierte
Gesundheitseinrichtungen (nur am Gewinn orientiert) eine bessere
Betreuung der Menschen möglich machen als kommunal betriebene
Einrichtungen. Ich habe dafür keine logische Erklärung und
die Begründung mit den Privatisierungserlösen die
Haushaltsdefizite auszugleichen ist für mich keine. Gesundheit ist
keine Ware und darf nicht dazu dienen, Profit zu erzielen. Kultur im
ländlichen Raum gehört auch zur Lebensqualität, und sie
muss nutzbar sein. Dazu ist die Erreichbarkeit der Kultureinrichtungen
der Region mit dem ÖPNV (Theaterbus) oder individuell notwenig.
Manche Idee der Vergangenheit (z.B. Landfilmkino) ist es vielleicht
Wert, wieder belebt zu werden. Schließungen kultureller
Einrichtungen aus Geldmangel führen zur geistigen Verarmung und
sind oft unumkehrbar.
Meine Gedanken erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit .
Sie sollen aber zur Diskussion und zur Meinungsbildung bei der Vielzahl
anstehender parlamentarischer Entscheidungen anregen.
Von Dr. Hans-Georg Goetzke
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