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LINKSrUM September 2007


Das Verhältnis von Euphorie zum Blick für das Wesentliche


Hier ist DIE LINKE.! Diesen Slogan hat sich ein cleverer Parteistratege irgendwo zwischen Ostsee und Allgäu einfallen lassen, um den Aufbruch, der mit der Parteifusion verbunden ist, möglichst treffend und provokant zu symbolisieren. Dass an diesem Ausspruch, der die Einen in Schockzustand und die Anderen in eine kaum zu bremsende Euphorie versetzt, viel Wahrheit steckt, beweisen nicht nur die beinahe täglichen Meldungen von Parteieintritten berühmter oder zumindest bekannter, zum Teil allerdings auch unbestritten berüchtigter Persönlichkeiten in das neue Parteiprojekt. Am 10. Juli 2007 beispielsweise sorgte der Eintritt von 60 Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern in die LINKE. für ein bundesweites mediales Interesse. Nur einen Tag zuvor hatte das politische Deutschland erschrocken aufhorchen müssen, als der langjährige sächsische Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Leo Stefan Schmitt, seinen Übertritt zur LINKEN in Aussicht stellte. Dass Oskar Lafontaine bei diesem und weiteren Coups Pate stand ist ein offenes Geheimnis. So konnte DIE LINKE. Anfang August erneut prominenten Zuwachs vermelden. Diesmal war es ein echter Knaller, erklärte doch die bis dahin noch amtierende stellvertretende Grünenchefin aus dem Saarland, zudem auch mit einem Landtagsmandat ausgestattet, die Reihen wechseln zu wollen. Selbst im tiefsten Bayern, nicht gerade eine Hochburg des demokratischen Sozialismus, formiert sich DIE LINKE. Der Kreisverband Donauwörth zählt beispielsweise bereits 80 Mitglieder. Eigentlich undenkbar für diese erzkonservative Gegend, in der die CSU regelmäßig mehr als 70 Prozent bei Wahlen einfährt. Das findet auch die Lokalpresse, die halb ängstlich und halb zuspitzend von der „roten Revolution im Freistaat“ schrieb.

Die Euphorie ist groß, ohne Frage! Und sie ist nötig, gerade im Einigungsprozess, indem sich DIE LINKE. noch immer befindet. Euphorie ist Kitt und Bindeglied zugleich und lässt somit die großen Gräben, die es nicht nur programmatisch in der LINKEN. gibt, nicht mehr als unüberbrückbar erscheinen. Allerdings verklärt diese Euphorie ein wenig die Wirklichkeit, die Realität also, in der sich auch DIE LINKE. früher oder später wiederfinden muss. Denn sie sollte vorbereitet sein, wenn die öffentlichen Medienberichterstattung beginnt, „hinter die Fassade zu schauen“ – wie es DER SPIEGEL schon getan haben will, wenn also der Mitgliederzuwachs der LINKEN. nicht mehr genügend Stoff bietet, um die Verkaufszahlen zu puschen. Und ein genaueres Hinsehen offenbart auch dem unversierten Betrachter, nicht nur Aufbauendes. Nordrhein-Westfalen beispielsweise, der Landesverband mit mehr als 900 Neueintritten, hat im selben Zeitraum auch etwa 200 Austritte zu beklagen. In Niedersachsen, wo akribisch die Landtagswahl vorbereitet wird, gab es bislang etwa 390 Neueintritte, aber eben auch circa 150 Austritte. Unterm Strich bleibt zwar ein Plus an Mitgliedern stehen, allein hundertprozentigen Optimismus kann das auch nicht vermitteln. Zumal die überwältigende Mehrheit, vor allem der prominenten Neumitglieder, Männer sind, noch dazu Männer, die schon Jahrzehnte in der SPD verbracht haben und somit sehr reif an Jahren sind. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der neuen LINKEN rückt folglich mehr und mehr in die Ferne.

Allein der Blick auf die Internetpräsenz der Partei, in der viele der Neulinken vorgestellt werden, lässt Besorgniserregendes erahnen. DIE LINKE droht zu einer Partei der alten Männer zu mutieren. Viele von ihnen haben immerhin einen Gewerkschaftshintergrund, was den Vorteil hat, dass der Partei wenigstens mittelfristig ein beträchtliches Wählerpotential zur Verfügung stehen könnte. Allerdings – so belegen die Wahlanalysen auch aus dem Jahr 2002 – kann eine Partei, die den Bezug zu weiblichen Politikthemen aufgrund ihrer allzu männlichen Ausstrahlung verliert sehr schnell die Sperrklausel bei einer Bundestagswahl verfehlen. Schließlich haben Frauen unbenommen einen anderen Zugang zur Politik und stellen zudem mehr als 50 Prozent des Wahlvolkes. Allein deshalb sind sie in der Ausrichtung einer modernen Partei und insbesondere in der Ausrichtung der LINKEN. nicht zu vernachlässigen. Der denkbar falscheste Weg ist allerdings der, den Frau Müller im Saarland geht. Die ungezogenen Äußerungen der „Eva Herrmann der LINKEN.“, wie sie in den Menien schon spöttisch bezeichnet wird, haben dem Ansehen der Partei in der emanziperten Frauenwelt sicherlich auch keinen Bärendienst erwiesen.

Ja, DIE LINKE. wird in der Öffentlichkeit wahrgenommen, doch ob die Euphorie anhält, wenn der Blick auf das Wesentliche entschleiert wird, ist zumindest fraglich.

Von Axel Krumrey