|
Sie finden unsere neuen Seiten unter www.dielinke-uckermark.de.
Diese Seiten unter www.pds-prenzlau.de erhalten wir nur noch als
Archiv; sie werden nicht mehr gepflegt.
LINKSrUM September 2007
Resümee des Internationalen Parlamentspraktikum in
der Staatsduma der Russischen Föderation (Teil 1)
Seit etwa 25
Jahren existiert das parlamentarische Austauschprogramm des Deutschen
Bundestages „Internationales Parlamentspraktikum“ (IPP). Mitte April
lud auch die Staatsduma der Russischen Föderation zum ersten Mal
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland zu der Durchführung
eines solchen Programms zu sich ein. Es gab ca. 300 Bewerber/innen.
Zehn wurden ausgewählt.
Am 16. April flog ich nach Moskau. Für An- und Abreise musste ich
selbst aufkommen. Die Kosten für Visum, Unterbringung, Verpflegung
und Krankenversicherung trug der Veranstalter. Das Programm stellte das
Kennenlernen der parlamentarischen Arbeit der Duma und Gespräche
mit Politikern der Fraktionen in Aussicht. Dazu sollten Runde Tische in
namhaften Moskauer Universitäten veranstaltet, die
Nachrichtenagentur ITAR-TASS, der Nachrichtensender VESTI-24, die
Moskauer Stadtduma und politische Talkshows besucht werden. Im Rahmen
des Kulturprogramms besichtigten wir Kreml, Tretjakow-Galerie, sahen
„Schwanensee“ im Bolschoj-Theater und wurden von dem Gesandten der
Botschaft der Bundesrepublik Deutschland empfangen.
In den ersten zweieinhalb Tagen wohnten wir der
turnusgemäßen Sitzung der deutsch-russischen
Parlamentariergruppe bei. Vorwiegend wurde über
Wirtschaftsbeziehungen und Energiepolitik gesprochen. Deutschland
erhält nicht nur Öl und Gas aus Russland, sondern profitiert
auch von einer äußerst dynamischen Wirtschaftsregion.
Deutsche Investitionen halten mit 30% aller Auslandsinvestitionen einen
der größten Anteile im Kapitalgeschäft und in der
gleichen Größenordnung sind von allen nach Russland
importierte Anlagen und Maschinen deutscher Bauart. Neben den
wirtschaftspolitischen Fragen wurden aber auch Themen wie die
Beziehungen Russlands zur EU, das geplante Raketenabwehrsystem in Polen
und Tschechien, der Mord an Frau Anna Politkovskaja,
Demokratieentwicklung und Menschenrechte diskutiert.
Im Vorfeld des Treffens war es zu dem sogenannten
„Marsch der Nicht-Einverstandenen“ gekommen. Vor allem in der
Verbindung mit dem Schachweltmeister Garri Kasparov, der das
„oppositionell“ deklarierte Bündnis „Das andere Russland“
repräsentierte, wurde in den deutsche Medien über die
Demonstration berichtet. Unter Anwendung körperlicher Gewalt war
sie aufgelöst und Kasparov verhaftet worden. Das grobe Vorgehen
der Sicherheitskräfte verfestigte mit hoher Wahrscheinlichkeit die
landläufigen Vorstellungen russischer Innenpolitik. Bei den
deutschen Politikern vor Ort hatten die Ereignisse Misstrauen geweckt.
Dass Hintergründe und Verlauf der Demonstration zu klären
waren, stand ebenso im Interesse der russischen Politiker. Die Rhetorik
der deutschen Seite jedoch machte eher den Eindruck, als verharrte man
weiter auf der Meinung, die gesellschaftlichen Verhältnisse
Russlands könnten auf den „autoritären Kreml“ und die
„demokratische Opposition“ beschränkt werden. Der Dialog
führte letztendlich weder für die eine noch für die
andere Seite zu einem zufriedenstellenden Abschluss.
Nach diesen ersten Tagen vieler erkenntnisreicher Einblicke standen die
Gespräche mit den Duma-Fraktionen auf dem Plan. Bereits
während der Auswahlgespräche in der Botschaft der Russischen
Föderation in Berlin hatte man angekündigt, dass es vor allem
um das russische Mehrparteiensystem gehen würde. In einem
anstrengenden Marathon wurden die Treffen mit Politikern der
Regierungspartei „Einheitliches Russland“ sowie mit Vertretern von
„Gerechtes Russland“, „Volkspatriotisches Bündnis“, Kommunistische
Partei (KPRF) und Liberaldemokratische Partei (LDPR) vollzogen. Es
herrschte ein überwiegend offenes Klima. Ich persönlich
erinnere mich nur an eine etwas heikle Nachfrage Herrn Artur N.
Èilingarovs (Einheitliches Russland), Stellvertretender
Vorsitzender der Duma und Polarforscher (der kürzlich die
Installation der metallenen Russland-Fahne auf dem Meeresboden des
Nordpols begleitet hat), wer ich denn sei und ob ich überhaupt auf
der Liste stehe. Mit meiner Frage wollte ich mich nach Maßnahmen
erkundigen, wie man die offensichtlich großen sozialen
Unterschiede in Russland zu lösen gedenkt.
Am Ende dieses Programmabschnitts hatten ich eine ganze Reihe
beeindruckender Erfahrungen gemacht und durfte einmal da sein, wo Namen
und Parteien, von denen ich vorher nur in den Nachrichten gehört
hatte, ihren Ursprung haben.
Von Christoph Bartholomäus
Fortsetzung folgt in der
nächsten Ausgabe!
|