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Prenzlauer Drucksachen Sie sind hier: LINKSrUM > Ausgabe September 2007
   

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LINKSrUM September 2007


Es geschehen noch Zeichen und Wunder...


„Zufällig“, aber pünktlich zum Jahrestag des Mauerbaus 1961 in der DDR wurde die Birthler-Behörde wieder einmal fündig: Es gab ihn also doch, den Schießbefehl, sogar auf Frauen und Kinder. Ein Papier ohne Briefkopf, Absender und Unterschrift – einfach so! Und wieder einmal präsentiert sich für die DDR-Hasser, wie zum Beispiel den Pseudowissenschaftler Hubertus Knabe, ein willkommener Anlass, erneut Schmutzkübel über den ehemaligen Staat DDR auszuschütten. Dass man sich dazu einer „sensationellen“ Information bediente, die schon 1997 mit gleichem Wortlaut veröffentlicht wurde, zeugt von der Fadenscheinigkeit dieser „passgenauen Fundaktion“. Manchem schmeckt eben auch alter wieder aufgewärmter Kaffee besonders gut.

Keiner will die Toten an der Berliner Mauer und an der Westgrenze der DDR rechtfertigen, aber das Isolieren eines Faktums aus den Kausalitäten der damaligen politischen Verhältnisse in Europa ist allein schon sträflich und hat mit Wissenschaftlichkeit nur wenig zu tun. Es waren die Westmächte, die nach dem Kriege gemeinsam mit Konrad Adenauer die von der SU vorgeschlagene Erhaltung der Einheit Deutschlands torpedierten, weil sie die damit verbundene Forderung zur Neutralität des Landes wie der Teufel das Weihwasser fürchteten. Adenauer erklärte damals: „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb.“ So kam es also zur westzonalen Währungsreform, in die Westberlin einbezogen wurde, und zur Gründung der Bundesrepublik. Der Osten musste zwangläufig mit der Gründung der DDR nachziehen. Westberlin, das zum „Pfahl im Fleische der DDR“ (W. Brandt) entwickelt wurde, war der Ausgangspunkt gezielt organisierter Aktivitäten zur Schädigung und Unterminierung, sprich zur Bekämpfung des „kommunistischen Unrechtsstaates“, was 1961 schließlich zur schützenden Abgrenzung durch den Bau der Mauer mit all den damit verbundenen Folgen führte. Es ist also historisch falsch, die zu beklagenden Toten einseitig der DDR in die Schuhe zu schieben, wenn man den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ordentlich berücksichtigt. Aber das ist ja gar nicht gewollt. Hubertus Knabe unterlässt das, so lange man von seiner Funktion als politischer Scharfmacher in Sachen „DDRUnrechtsstaat“ weiß.

Nun gibt es aber sogenannte „freiheitlich-demokratische Staaten“, für die analoge Erscheinungen ein Unding sein müssten. Sicher hinken Vergleiche immer, aber warum zerfetzt man sich nicht den Mund über die in Israel zum Teil auf palästinensischem Gebiet im Bau befindliche Mauer, die mit einer Länge von fast 700 km geplant ist. Dort gibt es natürlich keine Toten, dafür böse Terroristen auf palästinensischer Seite! Der freiheitlichste aller freiheitlichen Rechtsstaaten der Welt, die USA, leisten sich außerhalb ihres Territoriums ein KZ auf Guantanamo, wo Häftlinge als rechtlos erklärt, ohne juristischen Beistand willkürlich und schutzlos seit Jahren eingekerkert werden. Darüber hinaus betreiben die USA an ihrer Grenze zu Mexiko ein Regime, das angeblich unkontrollierte Einwanderungen verhindern soll. 2006 gab es an dieser Grenze 425 Tote. 2007 zählte man bis Ende Juli bereits 210 Tote. Auf welche vielfältige Weise diese Menschen auch ihr Leben verloren, ändert nichts an den dort herrschenden „unmenschlichen Grenzschutzmaßnahmen“. Aber hier handelt es sich ja um unsere engsten Freunde und Verbündeten. Da werden andere Maßstäbe angelegt. Und das weiß ja ein Hubertus Knabe sehr sorgfältig zu trennen.

Von Hubert Moser