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LINKSrUM Oktober 2007
Unsere Ignoranz tötet
„Es handelte sich hierbei um einen circa dreißig mal
dreißig Zentimeter großen Gasbetonstein. Mit diesem Stein
ging ich dann wieder zurück an die Stelle, an welcher Marinus lag.
Den Stein nahm ich dann mit beiden Händen, hob ihn über
meinen Kopf und warf ihn mit voller Wucht auf den Kopf von Marinus.
Dies tat ich zweimal.“
Das sind die protokollierten Worte von Marcel, der vor mehr als
fünf Jahren Marinus auf diese grausame Weise tötete, nachdem
dieser zuvor unter Mithilfe von Marco und Sebastian erniedrigt und
misshandelt worden war. Das ganze geschah nicht irgendwo in Deutschland
- sondern vor Ort in der Uckermark. Ein paar Kilometer von der
Kreisstadt entfernt in Potzlow. „Potzlow ist ein ganz normales Dorf.“
So lautete die lakonischresignierte Antwort des damaligen
Bürgermeisters der Gemeinde auf die Fragen der sensationsgierigen
Reporter, die dort wohl angesichts „mörderischer Bestien“ das Tor
zur Hölle vermutet hatten. Die relativierenden Worte eines Mannes,
der sich möglicherweise durch das plötzliche Interesse der
Medien und der Öffentlichkeit überfordert fühlte. Ein
Bürgermeister und 700 Einwohner allein gelassen mit einem
Verbrechen, das viel zu groß war für so ein kleines Dorf;
allein mit ihrer Erklärungsnot und Sprachlosigkeit. Das „normale
Dorf“ soll wieder beschworen werden. Mit ihm die alten gleichen
Verhältnisse. Mit ihm ein neuer Mord?
Das nicht, aber fünf Jahre nach der Tat stehen wir immer noch vor
der Frage, welche gesellschaftlichen Zusammenhänge sich hinter den
Ursachen und dem Verlauf der Tat, aber auch in der anschließenden
(Nicht-)Auseinandersetzung mit ihr, verbergen. Diese Frage wird sich
wohl auch Andres Veiel gestellt haben, der zu Beginn diesen Jahres das
Buch „Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt“
veröffentlichte, welches sich an sein gleichnamiges
Theaterstück und seinen Film unter demselben Titel
anschließt. Geboren in Stuttgart wurde der studierte Psychologe
mit Regie- und Dramaturgieausbildung zu einem der bedeutendsten
Dokumentarfilmer Deutschlands. Veiel ist vielleicht ehrlicher und
zielstrebiger bei dem Versuch einer Beschreibung und einer
Erklärung der Tat und ihrer Hintergründe, als viele
Dorfbewohner und Uckermärker es von sich behaupten können,
darunter zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens. Veiels
Analyse zeichnet sich vor allem durch eine komplexe Betrachtung in
einem größeren Kontext aus.
Das Buch stellt nicht nur einen Ablauf, welcher sich durch
schockierende Detailgenauigkeit auszeichnet, und einen einfachen
Erklärungsversuch der Tat dar, sondern beleuchtet
Hintergründe. Diese werden erkennbar, durch die unkommentierte
Auflistung der Protokolle, Interviews und Stellungnahmen von Personen,
die jeweils in einem anderen Verhältnis zum Mordfall stehen.
Gedanken und Gefühle werden sichtbar. Beginn von Reflexion, aber
auch sofortiges Ausweichen. Die geistige und seelische Beschaffenheit,
die für eine Auseinandersetzung mit dem Thema, nicht nur
während der Beschäftigung mit diesem Buch, von immenser
Bedeutung ist. Sehr behutsam geht Veiel mit dem wenigen Vertrauen um,
das ihm die Potzlower noch geben konnten. Er zeigt keine Bestien,
sondern Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben und zum
ersten Mal gehört werden. Die Realität eines Mordes bleibt
durchgehend spürbar und wird nicht heruntergespielt. Hinzugezogen
werden auch die Lebensläufe des Opfers und seiner Täter.
Veiel begleitet letztere auch in der Zeit nach der Mordnacht und bleibt
somit im nahen Umfeld zur Tat.
Schließlich versucht er, unter Einbeziehung von
gesellschaftlichen Strukturen in ihrer jeweiligen Zeit, dem Mord seinen
begründeten Platz in der Gegenwart zu geben. Die Einflüsse
der Geschichte - beispielsweise die Dogmatik der NS-Aufarbeitung in der
DDR - und eigener schematischer Kommunikationssysteme, personeller
Kontinuitäten über verschiedene Gesellschaftssysteme hinweg
und eines ungeschriebenen Verhaltenskodexes auf das Umfeld zu dieser
Tat werden aufgedeckt. Seine Analyse besticht durch eine genaue
Beschreibung der Region. Bemerkenswert, welches Gespür er dabei
für die Abläufe und Hintergründe im Zusammenleben der
Menschen entwickelt hat. Veiel macht auf die Konsequenzen einer
Verharmlosung des Themas Gewalt und ihrer Ursachen aufmerksam. Er zeigt
Defizite im Selbstverständnis und Identifikationsprobleme der
Menschen auf. Die ganze gesellschaftliche Konzeptionslosigkeit und
Ratlosigkeit anhand löchriger sozialer Sicherungssysteme mit
wirkungsloser Jugendarbeit wird deutlich. Zweifelhafte Polizeiarbeit
und realitätsscheue Justiz kommen zum Vorschein. Eine
menschenverachtende eskapistische Parallelgesellschaft entwickelt sich,
die mit Themen wie Alkoholismus, Gewalt, Vandalismus und
Rechtsextremismus immer weniger anfangen kann. Eine völlig
bürokratische und wirklichkeitsferne kommunale Politik, welche die
des Bundes nachäfft, ist wenig hilfreich bei der Bekämpfung
dieser spezifischen Situation. So wird die Fokussierung auf die
Beseitigung der Arbeitslosigkeit, das derzeit einzige publikumswirksame
politische Thema zwar die Symptome mildern und ganz nebenbei
Wählerstimmen abwerfen, aber nicht die grundsätzlichen
Ursachen effektiv aus dem Weg räumen. Gerade der Osten sollte
aufgrund seiner einzigartigen historischen Erfahrung diese Erkenntnis
bereits gewonnen haben.
Das Buch ist für all diejenigen, denen die Uckermark und deren
Menschen am Herzen liegen, eine erdrückende, aber notwendige
Lektüre. Das Buch macht die Denk- und Lebensweise einer ganzen
Region quer durch alle sozialen Schichten erkennbar und sollte gerade
an den uckermärkischen Schulen zu einem festen Bestandteil des
Lehrplanes werden. Es wird höchste Zeit Verdrängung,
Indifferenz und Apathie abzulegen und den unbequemen Weg der
Auseinandersetzung und Konfrontation mit der Realität zu gehen.
Denn auf eine Tatsache wird uns Marinus für alle Zeit aufmerksam
machen: Unsere Ignoranz tötet.
Von Robert Koch
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