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LINKSrUM Oktober 2007
Resümee des Internationalen Parlamentspraktikum in
der Staatsduma der Russischen Föderation (Teil 2)
(Teil 1 lesen Sie hier.)

Nun war noch die Frage zu klären, ob wir das russische
Mehrparteiensystem auch als solches erkannt hatten. Ich selbst machte
in der Tat verschiedene Parteien aus. Meine Skepsis verlor sich
deswegen nicht. Beispielsweise handelt es sich bei den Fraktionen
„Gerechtes Russland“ und „Volkspatriotisches Bündnis“ um zwei
Parteien, die genau wie „Einheitliches Russland“ der Regierung nahe
stehen. Nicht zufällig tragen sie in einem langen Schweif
zusätzlicher Attribute alle denkbaren parteipolitischen
Bezeichnungen mit sich. So heißt das Volkspatriotische
Bündnis zum Beispiel weiter: „Heimat (Partei der nationalen
Widergeburt „Volkswille“ – Sozialistische Einheitspartei Russlands –
„Patrioten Russlands“)“. Beide Fraktionen haben die Aufgabe, auch
diejenigen Wähler für den Regierungskurs zu gewinnen, die
sich bisher auf andere Parteien verteilen. Diese anderen Parteien sind
in der Duma die KPRF (Kommunistische Partei der Russischen
Föderation) und die LDPR (Liberal-Demokratische Partei Russlands).
Nach Aussagen ihrer Vertreter werden sie in ihrer politischen Arbeit
behindert. Die Abgeordnete der KPRF Frau Nina A. Ostanina beklagte,
dass man ihrer Partei nicht ausreichend Zeit zur Verfügung stelle,
um in den Parlamentsfragestunden auf die Politik der Regierung zu
reagieren. Noch schwieriger sei die Lage für parteilose
Abgeordnete. Herrn Anatolij A. Ermolin zufolge, der aus „Einheitliches
Russland“ ausgetreten war, würden ihn die Medien mit Ausnahme des
Radios „Ëcho Moskvy“ und der Zeitung „Novaja Gazeta“ bei der
Berichterstattung übergehen. In der Öffentlichkeit sei er
demnach kaum präsent. Was die Struktur des parlamentarischen
Systems anbelangt, wird sich die Situation ab der Legislaturperiode
2007-2010 für kleine Parteien und für den einzelnen
Abgeordneten verschlechtern. In den nächsten Parlamentswahlen
müssen nämlich die Parteien zum einen die von fünf auf
sieben Prozent erhöhte Hürde zum Einzug ins Parlament
schaffen, zum anderen werden die Wahlen vollständig auf Listenwahl
umgestellt, d.h. die Direktmandate abgeschafft und die Bevölkerung
wird keinen einzigen Abgeordneten mehr persönlich wählen
können.
Darüber hinaus besuchten wir im Rahmen des Internationalen
Parlamentspraktikum die drei Universitäten MGU (Moskauer
Staatliche Lomonossov-Universität), MGSU (Moskauer Staatliche
Universität für Sozialwissenschaften), MGIMO (Moskauer
Staatliches Institut für Internationale Beziehungen) sowie die
Nachrichtenagentur ITAR-TASS. In den Universitäten hatten
Studenten und Professoren Vorträge vorbereitet, in denen sie u. a.
die parlamentarischen Systeme unserer Länder verglichen. Mit dem
Chefredakteur von ITAR-TASS Herrn Aleksej A. Kravèenko
diskutierten wir die zurückliegende Demonstration - den „Marsch
der Andersdenkenden“. Kravèenko behauptete, dass 70% der
Teilnehmer Journalisten gewesen seien und dass die im Fernsehen
gezeigten Bilder von auf Demonstranten einschlagenden
Sicherheitskräften nicht als repräsentativ für die
gesamte Veranstaltung gelten könnten. In seinen Augen habe es sich
hauptsächlich um bezahlte „Provokateure“ gehandelt, nicht aber um
die „wahre“ Opposition. Bezüglich der Situation der Journalisten
in Russland und mit besonderem Hinblick auf die Ermordung Frau Anna
Politkovskaja vertrat er einerseits die Meinung, dass es gerade
für Journalisten nicht reiche, sich mit dem eigenen Zeug zu
beschäftigen. Ihre Aufgabe sei es, über die
gesellschaftlichen Verhältnisse zu berichten. Andererseits
herrsche auf dem Markt die harte Konkurrenz privater Interessen. Dort
hinein sollten Journalisten auch nicht geraten. Kravèenko kannte
Anna Politkovskaja. „Nervlich“ - ein despektierlicher Begriff, mit dem
sich in der russischen Sprache verschiedene Formen von Antipathie
ausdrücken lassen – sei sie nicht in Ordnung gewesen.
Außerdem soll sie für westliche Geldgeber gearbeitet und das
geschrieben haben, was diese von ihr erwarteten.
Kravèenko kam gleichfalls auf die möglichen Drahtzieher des
Mordanschlags zu sprechen. Er vertrat die Theorie, dass Tschetschenen
dahinter steckten und bediente sich dabei der gängigen Vorurteile
über kaukasische Völker. Die Tschetschenen seien immer zu
faul gewesen, um ihr Land zu bewirtschaften. Statt dessen hätten
sie Krieg geführt und gespielt. Anna Politkovskaja hatte
dementsprechend die Folgen selbst zu verantworten, wenn sie sich
dauernd mit den Geschäften dieser Leute befasste.
Die Ausführungen Kravèenkos waren mit Vorsicht zu
genießen. Ein Mensch wurde in seiner Wohnung zielgerichtet
aufgesucht und getötet. Dass man noch immer nicht vor der
Grausamkeit der Tat erschrak und der Journalistin Mitleid selbst nach
ihrem Tod verwehrte, weil sie sich in „fremde“ Sachen „einmischte“, ist
in einer menschlichen Gesellschaft ein unakzeptabler Vorgang.
Von Christoph Bartholomäus
Der III. und letzte Teil dieses Beitrages folgt in der nächsten
Ausgabe.
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